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mindset18. Juni 20236 MIN LESEN

Praxisleitfaden

Mehr Ruhe durch bessere Selbststeuerung

Warum mehr Ruhe im Business oft aus besserer Selbststeuerung und nicht aus weniger Verantwortung entsteht.

Ruhe entsteht nicht immer dadurch, dass weniger zu tun ist. Häufig entsteht sie dort, wo innere Steuerung klarer wird. Im Business hilft genau das, auch unter Druck tragfähiger zu bleiben.

Mehr Ruhe durch bessere Selbststeuerung

In der unternehmerischen Praxis begegnet mir immer wieder eine bemerkenswerte Vorstellung: Wer mehr Ruhe in seinen Arbeitsalltag bringen möchte, müsse vor allem weniger arbeiten, Aufgaben reduzieren oder lernen, sich besser zu entspannen. Doch so einfach funktioniert ein Unternehmen nicht. Verantwortung lässt sich nicht nach persönlicher Tagesform verteilen. Kunden erwarten Ergebnisse, wirtschaftliche Verpflichtungen müssen erfüllt werden, Entscheidungen haben Konsequenzen und Schwierigkeiten verschwinden nicht, weil wir gerade eine Pause benötigen. Auch aus meinen eigenen unternehmerischen Projekten kenne ich die Herausforderung, zwischen strategischer Entwicklung, technischen Fragen, Organisation und laufenden Verpflichtungen zu wechseln. Dabei habe ich eine wichtige Unterscheidung gelernt: Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich tatsächlich zu viele Aufgaben habe oder ob meine Arbeitsweise dazu führt, dass jede einzelne Aufgabe mehr Aufmerksamkeit beansprucht, als sie benötigt. Genau an diesem Punkt beginnt für mich Selbststeuerung. Sie entscheidet mit darüber, ob wir unseren unternehmerischen Alltag bewusst gestalten oder unsere Entscheidungen zunehmend von äußeren Anforderungen bestimmen lassen.

Meine berufliche Erfahrung verbindet unterschiedliche Disziplinen: Bildung, Technologie, Unternehmensentwicklung und strategische Organisation. Gerade diese Verbindung hat meinen Blick auf Arbeitsprozesse geprägt. Aus der Bildungsarbeit weiß ich, dass konzentriertes Denken Voraussetzungen benötigt und dass wir Menschen nicht allein durch zusätzliche Anforderungen zu besseren Leistungen führen. Aus der technischen Arbeit kenne ich die Folgen unzureichend definierter Abläufe: Wenn Abhängigkeiten nicht berücksichtigt, Zuständigkeiten unklar oder Prozesse fehlerhaft aufgebaut sind, entstehen Probleme, die sich durch größeren persönlichen Einsatz nicht dauerhaft beheben lassen. Für Unternehmen gilt nach meiner Überzeugung dasselbe. Eine Unternehmerin, die ständig erreichbar ist, jede Entscheidung selbst trifft und organisatorische Schwächen durch zusätzliche Arbeitsstunden ausgleicht, hält ihren Betrieb möglicherweise am Laufen. Sie schafft damit jedoch noch keine tragfähige Grundlage für weiteres Wachstum. Deshalb betrachte ich Selbststeuerung nicht isoliert als psychologische Fähigkeit, sondern im Zusammenhang mit den Strukturen, innerhalb derer wir handeln und Entscheidungen treffen.

Besonders interessant finde ich die Art, wie wir auf Anforderungen reagieren, bevor wir überhaupt bewusst darüber nachdenken. Eine kritische Nachricht erreicht uns, und unsere Gedanken beschäftigen sich bereits mit möglichen Konsequenzen. Ein Kunde äußert Unzufriedenheit, und statt zunächst den sachlichen Kern seiner Rückmeldung zu prüfen, beginnen wir innerlich mit einer Rechtfertigung. Eine unerwartete Schwierigkeit tritt auf, und plötzlich erscheint alles andere weniger wichtig. Ich halte es für entscheidend, diese Prozesse zu verstehen, denn nicht jede spontane Bewertung entspricht der tatsächlichen Bedeutung eines Ereignisses. Als Linguistin interessiert mich dabei auch, wie wir Situationen sprachlich einordnen. Ob wir von einem Problem, einem Fehler, einer Bedrohung oder einer notwendigen Korrektur sprechen, beeinflusst, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und welche Handlungsmöglichkeiten wir in Betracht ziehen. Die Begriffe allein verändern selbstverständlich keine wirtschaftlichen Tatsachen. Aber die Art, wie wir einen Sachverhalt gedanklich und sprachlich erfassen, kann unsere anschließende Entscheidung erheblich beeinflussen. Selbststeuerung beginnt deshalb bereits bei der Wahrnehmung und Bewertung einer Situation, lange bevor wir eine konkrete Maßnahme ergreifen.

Für mich liegt die entscheidende unternehmerische Kompetenz darin, persönliche Reaktionen, Entscheidungen und betriebliche Strukturen miteinander in Beziehung zu setzen. Wenn ich beispielsweise feststelle, dass eine bestimmte Aufgabe regelmäßig zu Verzögerungen führt, interessiert mich nicht nur, wie ich sie künftig schneller erledigen kann. Ich möchte verstehen, weshalb diese Verzögerung entsteht, welche Abhängigkeiten dahinterstehen und ob der Ablauf überhaupt sinnvoll organisiert ist. Ebenso frage ich bei hoher Arbeitsbelastung, welche Anforderungen tatsächlich notwendig sind, welche durch fehlende Vereinbarungen entstehen und welche Entscheidungen längst an anderer Stelle getroffen werden könnten. Diese Fragen gehören für mich zur strategischen Arbeit an einem Unternehmen. Mehr Ruhe bedeutet unter diesen Voraussetzungen weder geringeren Ehrgeiz noch den Rückzug aus der Verantwortung. Sie entsteht aus der Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit gezielt einzusetzen, auch unter Druck urteilsfähig zu bleiben und organisatorische Bedingungen zu schaffen, die verantwortliches Handeln unterstützen. Wir müssen nicht lernen, immer mehr Belastung auszuhalten. Wir müssen lernen, unser Handeln und unsere Unternehmen so zu organisieren, dass nicht jede Anforderung zur persönlichen Belastungsprobe wird.

Zum Schluss: Selbststeuerung bedeutet, Verantwortung bewusster zu gestalten

Wenn ich auf meine berufliche Entwicklung und die unterschiedlichen Bereiche zurückblicke, in denen ich gearbeitet habe, erkenne ich einen Zusammenhang, der für mich heute zu den wichtigsten Grundlagen unternehmerischen Handelns gehört: Unsere Leistungsfähigkeit hängt nicht allein davon ab, wie viel wir wissen, wie engagiert wir arbeiten oder wie bereitwillig wir Verantwortung übernehmen. Entscheidend ist auch, wie wir mit unseren eigenen Ressourcen umgehen und unter welchen Bedingungen wir diese einsetzen. In der Bildungsarbeit, in technischen Projekten und in der Unternehmensentwicklung habe ich mich mit unterschiedlichen Formen von Organisation, Entscheidungsfindung und menschlichem Verhalten beschäftigt. Die Anforderungen unterscheiden sich, doch eine Frage begegnet mir immer wieder: Versuchen wir, bestehende Schwierigkeiten durch zusätzlichen persönlichen Einsatz auszugleichen, oder untersuchen wir, weshalb diese Schwierigkeiten überhaupt entstehen? Für mich beginnt verantwortliches Handeln genau bei dieser Unterscheidung. Nicht jede Herausforderung verlangt mehr Anstrengung. Einige verlangen eine andere Entscheidung, einen veränderten Prozess oder den Mut, eine bisher selbstverständliche Arbeitsweise infrage zu stellen.

Gerade Unternehmerinnen und Unternehmer neigen dazu, ihre persönliche Einsatzbereitschaft zum wichtigsten Maßstab für den Fortschritt ihres Unternehmens zu machen. Wer viel arbeitet, zahlreiche Aufgaben übernimmt und jederzeit erreichbar ist, vermittelt zunächst den Eindruck besonderer Zuverlässigkeit. Doch die Anzahl der geleisteten Stunden sagt wenig darüber aus, ob ein Unternehmen wirtschaftlich sinnvoll organisiert ist oder ob seine Inhaberin langfristig handlungsfähig bleibt. Ich halte es deshalb für wesentlich, nicht nur Ergebnisse zu betrachten, sondern auch die Bedingungen, unter denen sie entstehen. Wenn ein Geschäft ausschließlich funktioniert, solange eine Person permanent eingreift, sollte uns das zu denken geben. Wenn dieselben Probleme immer wieder auftreten, verdienen ihre Ursachen mehr Aufmerksamkeit als die nächste improvisierte Lösung. Und wenn wichtige Entscheidungen regelmäßig unter Zeitdruck getroffen werden, müssen wir prüfen, weshalb für ihre Vorbereitung kein ausreichender Raum vorhanden ist. Diese Fragen sind keine Nebensache der persönlichen Arbeitsorganisation. Sie betreffen die Qualität der Unternehmensführung.

Mit Selbststeuerung verbinde ich deshalb keine Vorstellung von vollkommener Gelassenheit. Ich halte es weder für realistisch noch für erstrebenswert, unternehmerische Schwierigkeiten grundsätzlich ohne emotionale Beteiligung erleben zu wollen. Wer Verantwortung trägt, wird sich über Erfolge freuen, über Fehler ärgern, Risiken abwägen und Entscheidungen auch einmal anzweifeln. Entscheidend ist, ob diese Reaktionen unser weiteres Handeln vollständig bestimmen oder ob wir in der Lage bleiben, sie einzuordnen und bewusst zu entscheiden. Dazu gehört auch, eigene Grenzen anzuerkennen, Unterstützung anzunehmen und Strukturen zu verändern, wenn die bisherige Arbeitsweise nicht mehr trägt. Selbststeuerung ist für mich keine einmal erworbene Eigenschaft, sondern eine Kompetenz, die sich im täglichen Umgang mit Anforderungen weiterentwickelt. Sie zeigt sich weniger in außergewöhnlichen Momenten als in den vielen alltäglichen Entscheidungen darüber, worauf wir reagieren, was wir verändern und welche Aufgaben wir bewusst nicht übernehmen.

Ich bin überzeugt, dass wir über Stress im Business anders sprechen müssen. Wir sollten weniger darüber diskutieren, wie Menschen noch belastbarer werden können, und genauer untersuchen, weshalb ihre Arbeit so organisiert ist, dass sie ständig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geraten. Persönliche Selbststeuerung und eine funktionierende Unternehmensorganisation gehören für mich untrennbar zusammen. Das eine hilft uns, bewusster zu handeln; das andere schafft die Voraussetzungen dafür, dass nicht jede Entscheidung unnötige Kraft kostet. Mehr Ruhe ist unter diesen Bedingungen weder ein Luxus noch eine Belohnung, die wir uns nach besonders anstrengenden Arbeitsphasen verdienen müssen. Sie gehört zu einer Arbeitsweise, in der wir unsere Verantwortung ernst nehmen, ohne uns selbst zum dauerhaften Ausgleich für organisatorische Schwächen zu machen. Ein Unternehmen sollte nicht deshalb funktionieren, weil wir ständig über unsere Grenzen gehen. Es sollte so geführt und organisiert sein, dass wir unsere Fähigkeiten dort einsetzen können, wo sie tatsächlich gebraucht werden.