Veröffentlicht am 2. November 2023
Der Kunde hat immer recht. Und das Unternehmen?
In der Geschäftswelt gibt es Grundsätze, die offenbar jede wirtschaftliche Entwicklung überleben. Einer davon lautet, dass der Kunde immer recht hat. Ein wunderbarer Gedanke, zumindest solange niemand fragt, wer eigentlich die Interessen des Unternehmens vertritt. Denn zwischen gutem Kundenservice und der bedingungslosen Erfüllung sämtlicher Kundenwünsche liegen Welten. Und diese Unterschiede lassen sich nicht unbedingt am Umsatz ablesen. Ein Kunde kann regelmäßig zahlen, kontinuierlich Aufträge erteilen und trotzdem so viel Zeit, Aufmerksamkeit und Ressourcen beanspruchen, dass der wirtschaftliche Nutzen der gesamten Geschäftsbeziehung fragwürdig wird. Aber der Auftrag ist doch da, die Rechnung wurde bezahlt, das Geld ist auf dem Konto. Wo soll also das Problem liegen? Nun, das wird spätestens dann interessant, wenn wir ausrechnen, was uns dieser erfreuliche Geschäftserfolg tatsächlich gekostet hat.
Natürlich plädiere ich nicht dafür, jede Kundenbeziehung in eine buchhalterische Übung zu verwandeln, bei der jede zusätzliche Minute auf der Rechnung landet. Unternehmen existieren, weil sie mit ihren Produkten und Dienstleistungen einen Wert schaffen, für den Menschen bereit sind zu bezahlen. Vertrauen, Zuverlässigkeit und das Verständnis für Kundenbedürfnisse sind wesentliche Voraussetzungen einer langfristig tragfähigen Geschäftsbeziehung. Gerade deshalb halte ich es allerdings für problematisch, wenn guter Service mit grenzenloser Nachgiebigkeit verwechselt wird. Kundenorientierung ist keine Verpflichtung zur wirtschaftlichen Selbstaufgabe. Wer ständig zusätzliche Leistungen verspricht, Preisnachlässe gewährt und eigene Kapazitätsgrenzen ignoriert, betreibt nicht zwangsläufig besonders gutes Beziehungsmanagement. Unter Umständen schafft er lediglich ein Geschäftsmodell, das hervorragend für seine Kunden funktioniert, während das Unternehmen selbst zunehmend unter Druck gerät.
Der Umsatz stimmt. Aber was bleibt eigentlich übrig?
Nehmen wir zwei Kunden eines kleinen Beratungsunternehmens. Beide beauftragen eine Dienstleistung im Wert von jeweils 2.000 Euro. In der Umsatzstatistik erscheinen sie zunächst vollkommen gleichwertig. Der erste Auftrag erfordert zwölf Arbeitsstunden, einen eindeutig vereinbarten Leistungsumfang und einige planmäßige Besprechungen. Beim zweiten Kunden sieht die Sache anders aus. Dreißig Arbeitsstunden, wiederholte Änderungswünsche, zusätzliche Abstimmungen und ein erheblicher Koordinationsaufwand. Legen wir für dieses vereinfachte Beispiel einen kalkulatorischen internen Stundensatz von 45 Euro zugrunde und berücksichtigen weitere direkt zurechenbare Kosten von 160 beziehungsweise 250 Euro, ergibt sich ein bemerkenswerter Unterschied. Vom ersten Auftrag bleiben nach diesen Kosten 1.300 Euro übrig, vom zweiten lediglich 400 Euro. Die allgemeinen Betriebskosten sind dabei noch nicht vollständig berücksichtigt. Von einem endgültigen Gewinn können wir also keineswegs sprechen.
| Kunde A | Kunde B |
|---|---|
| Umsatz: 2.000 Euro | Umsatz: 2.000 Euro |
| Arbeitsaufwand: 12 Stunden × 45 Euro = 540 Euro | Arbeitsaufwand: 30 Stunden × 45 Euro = 1.350 Euro |
| Weitere direkte Kosten: 160 Euro | Weitere direkte Kosten: 250 Euro |
| Verbleibender Betrag vor weiteren Gemeinkosten: 1.300 Euro | Verbleibender Betrag vor weiteren Gemeinkosten: 400 Euro |
Und damit kommen wir zu einer Frage, die mich wesentlich mehr interessiert als die Anzahl abgeschlossener Verträge. Was sagt uns der Umsatz über den tatsächlichen wirtschaftlichen Beitrag eines Kunden? Zunächst einmal erstaunlich wenig, solange wir nicht wissen, welche Ressourcen für seine Betreuung erforderlich sind. Im zweiten Fall wurden achtzehn zusätzliche Arbeitsstunden gebunden. Achtzehn Stunden, in denen andere Projekte hätten bearbeitet, neue Angebote entwickelt oder potenziell rentablere Aufträge angenommen werden können. Selbstverständlich lässt sich nicht jede entgangene Gelegenheit nachträglich exakt beziffern. Dennoch verschwindet ihr wirtschaftlicher Wert nicht einfach deshalb, weil er auf keiner Rechnung erscheint. Das ist das eigentlich Interessante an Opportunitätskosten. Sie erinnern uns daran, dass jede unternehmerische Entscheidung nicht nur etwas ermöglicht, sondern gleichzeitig andere Möglichkeiten ausschließt. Eine bezahlte Rechnung ist deshalb noch lange kein Beweis dafür, dass die zugrunde liegende Entscheidung auch wirtschaftlich sinnvoll war.
Was guter Kundenservice tatsächlich kostet
Besonders aufschlussreich wird die Betrachtung bei jenen Aufwendungen, die in vielen kleinen Unternehmen kaum systematisch erfasst werden. Ein zusätzliches Telefonat, eine weitere Korrekturschleife, eine kurzfristige Anfrage am Freitagabend, eine Besprechung, weil bereits geklärte Anforderungen plötzlich doch nicht mehr gelten. Jede einzelne dieser Tätigkeiten erscheint zunächst harmlos. Zusammengenommen können sie allerdings einen beträchtlichen Teil der verfügbaren Arbeitszeit beanspruchen. Gerade in Beratungsunternehmen, Agenturen oder kreativen Dienstleistungsbetrieben wird dieses Problem häufig unterschätzt, weil der Inhaber einen erheblichen Teil der Arbeit selbst übernimmt. Und die eigene Arbeitszeit wird bekanntlich gern behandelt, als sei sie kostenlos und unbegrenzt verfügbar. Schließlich arbeitet man doch für sich selbst. Was sind da schon zwei zusätzliche Stunden am Abend?
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist diese Vorstellung ausgesprochen bequem, nur leider wenig überzeugend. Auch unbezahlte Arbeit verursacht wirtschaftliche Kosten. Zeit, die für einen Auftrag verwendet wird, steht für andere Tätigkeiten nicht mehr zur Verfügung. Hinzu kommen mögliche Belastungen durch Fehler, Verzögerungen und eine sinkende Leistungsfähigkeit. Ein Unternehmen, dessen Wirtschaftlichkeit nur funktioniert, solange der Inhaber regelmäßig unentgeltlich Mehrarbeit leistet, sollte seine Kalkulation deshalb kritisch überprüfen. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie lange jemand bereit ist durchzuhalten, sondern ob das Geschäftsmodell auch bei einer realistischen Bewertung des Arbeitsaufwands tragfähig bleibt. Andernfalls entsteht eine interessante Form unternehmerischer Selbstausbeutung, die sich nach außen durchaus als Erfolg präsentieren lässt.
Nun wäre es allerdings ebenso falsch, anspruchsvolle Kunden grundsätzlich als wirtschaftlich unattraktiv einzustufen. Ein zunächst aufwendiger Auftrag kann der Beginn einer langfristigen und profitablen Zusammenarbeit sein. Vielleicht eröffnet er Zugang zu einem neuen Markt, ermöglicht die Entwicklung zusätzlicher Kompetenzen oder führt zu Folgeaufträgen mit deutlich geringeren Betreuungskosten. Der Wert einer Kundenbeziehung entsteht nicht ausschließlich durch die erste Rechnung. Entscheidend ist vielmehr, welche wirtschaftlichen Beiträge über ihre gesamte voraussichtliche Dauer zu erwarten sind und welche Kosten und Risiken damit verbunden bleiben. Genau an dieser Stelle sollten wir allerdings zwischen begründeten Erwartungen und bloßem Wunschdenken unterscheiden. Wenn ein Kunde seit zwei Jahren zusätzliche Leistungen verlangt und die angeblich großen Folgeaufträge zuverlässig auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt, würde ich zumindest die Frage stellen, ob wir tatsächlich in eine vielversprechende Partnerschaft investieren oder schlicht fremde Zukunftspläne finanzieren.
Schwieriger Kunde oder schlecht kalkuliertes Angebot?
Bevor wir nun anfangen, unsere Kunden in angenehme und problematische Exemplare einzuteilen, lohnt sich ein Blick auf die eigene Geschäftsorganisation. Denn längst nicht jedes Problem entsteht durch unangemessenes Kundenverhalten. Manchmal liefert das Unternehmen selbst die besten Voraussetzungen dafür. Unpräzise Leistungsbeschreibungen, widersprüchliche Zusagen, fehlende Regelungen für Änderungswünsche oder Preise, die den tatsächlichen Arbeitsaufwand kaum berücksichtigen, können selbst eine grundsätzlich gute Geschäftsbeziehung erheblich belasten. Wer unbegrenzte Unterstützung zum Festpreis anbietet, sollte sich nicht wundern, wenn ein Kunde dieses Angebot wörtlich nimmt. Und wer umfangreiche Individualleistungen verspricht, ohne die dafür benötigten Ressourcen einzuplanen, kann die Folgen dieser Entscheidung schwerlich allein dem Kunden anlasten.
Das Problem liegt dann weniger in der mangelnden Wertschätzung der eigenen Arbeit durch andere als in der wirtschaftlichen Konstruktion des Angebots. Ein professionell entwickeltes Dienstleistungsmodell braucht einen nachvollziehbaren Leistungsumfang, eine realistische Kostenkalkulation und eindeutige Vereinbarungen darüber, was geschieht, wenn sich Anforderungen verändern. Daraus folgt keineswegs, dass jede Kundenbeziehung in einem Regelwerk aus zwanzig Seiten ersticken muss. Es geht um etwas wesentlich Einfacheres. Wir sollten wissen, welche Leistung wir anbieten, welchen Aufwand sie verursacht und unter welchen Bedingungen wir sie zuverlässig erbringen können. Manchmal braucht es eine andere Preisstruktur, manchmal eine klarere Abgrenzung der Leistungen oder ein angepasstes Servicemodell. Und gelegentlich muss man feststellen, dass eine bestimmte Leistung in ihrer bisherigen Form wirtschaftlich schlicht nicht sinnvoll angeboten werden kann. Auch das gehört zur professionellen Unternehmensführung. Nicht jede Schwäche eines Geschäftsmodells lässt sich durch noch mehr persönlichen Einsatz kompensieren.
Wenn ein Kunde plötzlich das ganze Unternehmen bestimmt
Neben dem unmittelbaren wirtschaftlichen Beitrag gibt es ein weiteres Risiko, das gerade für kleinere Unternehmen erhebliche Bedeutung haben kann. Die Abhängigkeit von einzelnen Auftraggebern. Ein großer Kunde, der regelmäßig hohe Umsätze generiert und zuverlässig bezahlt, erscheint zunächst wie ein Glücksfall. Schwieriger wird die Situation, wenn dieser eine Auftraggeber einen erheblichen Anteil am Gesamtumsatz ausmacht und sein Wegfall die finanzielle Stabilität des Unternehmens ernsthaft gefährden würde. Dann sprechen wir nicht mehr nur über einen besonders wertvollen Kunden, sondern auch über ein erhebliches Konzentrationsrisiko. Und je stärker das Unternehmen seine Abläufe, Kapazitäten und Preisgestaltung an dessen Bedürfnisse anpasst, desto größer kann die wirtschaftliche Abhängigkeit werden.
Ein Auftraggeber darf seine Strategie ändern, sein Budget kürzen oder die Zusammenarbeit beenden. Das gehört zum Geschäftsleben. Entscheidend ist, ob das betroffene Unternehmen diese Veränderung verkraften kann. Wer seine gesamte Planung auf einen einzigen bedeutenden Kunden ausrichtet, gewinnt unter Umständen kurzfristig Sicherheit, verliert aber gleichzeitig einen Teil seiner unternehmerischen Handlungsfreiheit. Besonders problematisch wird es, wenn aus Angst vor dem Verlust des Auftrags immer weitere Zugeständnisse gemacht werden. Dann bestimmt irgendwann nicht mehr die eigene Strategie die Geschäftsentwicklung, sondern die Verhandlungsmacht des wichtigsten Kunden. Eine bemerkenswerte Situation für ein Unternehmen, das ursprünglich gegründet wurde, um wirtschaftlich unabhängig zu sein.
Ich würde daraus allerdings keineswegs ableiten, dass große Kunden grundsätzlich gemieden werden sollten. Ebenso wenig halte ich es für sinnvoll, ausschließlich Aufträge mit möglichst hohen unmittelbaren Margen anzunehmen. Entscheidend ist die Gesamtbetrachtung. Welchen wirtschaftlichen Beitrag leistet eine Geschäftsbeziehung? Wie viel Kapazität bindet sie? Wie verlässlich sind die Zahlungen? Welche Risiken entstehen durch die Abhängigkeit? Und passt der Auftrag überhaupt zur langfristigen Ausrichtung des Unternehmens? Ein kleinerer Kunde kann langfristig strategisch wertvoll sein. Ein großer Kunde kann trotz hoher Umsätze ein erhebliches Risiko darstellen. Wer diese Unterschiede nicht berücksichtigt, bewertet Kundenbeziehungen letztlich nach ihrer äußeren Größe statt nach ihrer tatsächlichen Bedeutung für das eigene Geschäftsmodell.
Compass Insight
Was bringt ein Kunde dem Unternehmen tatsächlich?
Nicht nur Umsatz, sondern einen wirtschaftlichen Beitrag nach Berücksichtigung der relevanten Kosten für Akquisition, Leistungserbringung und Betreuung. Die Anzahl der Kunden allein sagt wenig darüber aus, wie wirtschaftlich tragfähig das Kundenportfolio ist.
Wo entstehen die versteckten Kosten?
Bei zusätzlichen Arbeitsstunden, unklaren Leistungsvereinbarungen, wiederholten Korrekturen, hohem Abstimmungsaufwand und gebundenen Kapazitäten. Viele dieser Kosten bleiben unsichtbar, weil dafür keine gesonderten Zahlungen geleistet werden.
Wer verursacht das eigentliche Problem?
Liegt es an überzogenen Kundenanforderungen oder an einer Dienstleistung, deren Umfang, Preis und organisatorische Umsetzung nicht ausreichend durchdacht wurden? Bevor wir Preise erhöhen oder eine Zusammenarbeit beenden, sollten wir die tatsächlichen Ursachen kennen.
Welche Entscheidung stärkt die wirtschaftliche Tragfähigkeit?
Andere Vertragsbedingungen, eine angepasste Preisgestaltung, eine veränderte Leistungsstruktur oder die bewusste Entscheidung gegen einen Auftrag? Eine tragfähige Lösung berücksichtigt nicht nur den unmittelbaren Ertrag, sondern auch die strategische Bedeutung und die Risiken der Geschäftsbeziehung.
Ich halte wenig von der Vorstellung, dass sich professionelle Kundenorientierung daran erkennen lässt, wie oft ein Unternehmer bereit ist nachzugeben. Respekt gegenüber Kunden bedeutet nicht, die eigenen wirtschaftlichen Interessen aufzugeben. Eine gute Geschäftsbeziehung braucht Verlässlichkeit, faire Bedingungen und ein gemeinsames Verständnis davon, welche Leistung zu welchem Preis erbracht wird. Kunden dürfen Qualität erwarten und auf die Einhaltung von Vereinbarungen bestehen. Unternehmen wiederum dürfen ihre Leistungen angemessen kalkulieren, Grenzen setzen und Aufträge ablehnen, deren Bedingungen wirtschaftlich nicht tragbar sind. Daran ist nichts unprofessionell. Deutlich fragwürdiger finde ich es, jedem alles zu versprechen und sich anschließend darüber zu wundern, dass zwar die Umsätze steigen, vom Gewinn und von der persönlichen Freiheit aber immer weniger übrig bleibt.
Für mich bedeutet Kundenorientierung, Bedürfnisse ernst zu nehmen und Lösungen anzubieten, die für beide Seiten einen nachvollziehbaren Wert schaffen. Sie bedeutet weder bedingungslose Zustimmung noch die Verpflichtung, jeden Auftrag anzunehmen. Unternehmerische Entscheidungen haben wirtschaftliche Konsequenzen, und dazu gehört eben auch die Frage, mit wem und unter welchen Bedingungen man zusammenarbeitet. Ich wäre jedenfalls vorsichtig mit der Behauptung, ein Unternehmen sei allein deshalb erfolgreich, weil es besonders viele Kunden hat. Mich interessiert vielmehr, welche dieser Beziehungen tatsächlich zu seiner wirtschaftlichen Stabilität beitragen. Kunden gewinnen zu können ist wichtig. Sie professionell zu betreuen gehört selbstverständlich dazu. Aber den wirtschaftlichen Wert dieser Beziehungen beurteilen zu können, ist eine Frage der Unternehmensführung. Und wenn ein Auftrag so viele Zugeständnisse erfordert, dass wir anschließend zusätzliche Arbeit leisten müssen, um seine Folgen auszugleichen, sollten wir uns ernsthaft fragen, ob wir einen Kunden gewonnen oder uns lediglich mehr Arbeit eingekauft haben.
Nicht jeder Auftrag ist ein Gewinn. Und nicht jede Absage ein Verlust.
© 2026 Irena Popova | BizPuls 360° Compass & Roadmap
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